Beziehungen zwischen verschiedenen Arten

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Wie beeinflussen verschiedene Arten einander?

Nach dem, was du bisher gelesen hast, und auf der Grundlage der Beobachtungen, die du in deiner Umwelt gemacht hast, lebt kein Organismus isoliert. Pflanzen werden von anderen Pflanzen verdrängt, von Tieren gefressen, für den Bau einer Unterkunft gebraucht, kaputtgetreten oder entwurzelt. Tiere arbeiten hart, wenn sie nach Nahrung suchen, wenn sie auf der Hut sind, ob andere Tiere sie jagen und fressen wollen, oder wenn sie einen geschützten Platz suchen. Mit anderen Worten: Jede Pflanze und jedes Tier steht auf irgendeine Art und Weise mit anderen Pflanzen und Tieren in einer Wechselbeziehung. In diesem Kapitel wirst du verschiedene Wege kennenlernen, wie Tiere und Pflanzen in der Umwelt interagieren.

"Die Wildnis brauchen wir als Stärkungsmittel. Wir müssen durch Sümpfe waten, wo Tiere wie Rohrdommel und Wasserhuhn sich verstecken. Wir sollten den Schrei der Schnepfe vernehmen, sich im Wind wiegendes Schilf riechen, in dem wilde Vögel ihre Nester bauen und wo die Sumpfotter dicht am Boden kriecht."



Ökologen verwenden eine Menge Zeit darauf, die Interaktionen zwischen Organismen nachzuvollziehen. Dabei versuchen sie jeweils, die Perspektive jedes einzelnen Organismus in der Interaktion einzunehmen und zu sehen, ob sie gut oder schlecht für den jeweiligen Organismus ist. Wenn sie beispielsweise sehen, dass eine Spinne eine Fliege in ihrem Netz fängt, beobachten die Ökologen, dass diese Interaktion gut für die Spinne ist, weil diese dann Nahrung bekommt. Auf der anderen Seite stellen sie aber auch fest, dass diese Interaktion für die Fliege nicht so gut ist, weil die Fliege der Spinne als Nahrung dient! Manchmal zieht ein Organismus einen Vorteil aus dem Nachteil eines anderen Organismus. Manchmal haben beide Organismen das Nachsehen. Manchmal ziehen aber auch beide Organismen aus einer Situation einen Vorteil, das bezeichnen Ökologen dann als Mutualismus.

Vertiefung

Wusstest du schon?
Zwei Arten von Seepocken konkurrieren um den Platz auf Felsen und Steinen in Gezeitenbecken (kleine Wasserbecken, die sich bei Ebbe und Flut bilden) in Schottland. Eine Seepocke verdrängt dabei die andere, indem sie sie buchstäblich untergräbt und dann ihren Platz einnimmt - selbst dann, wenn die andere Seepocke zuvor bereits angefangen hatte zu wachsen.

Organismen konkurrieren

Ökologen definieren Konkurrenz als das, was passiert, wenn ein Organismus eine Ressource auf eine Weise benutzt, dass sie von einem anderen Organismus nicht mehr genutzt werden kann. Wenn so beispielsweise zwei Arten von Vögeln dieselbe Sorte Samen fressen, können sie darum konkurrieren, wer die meisten Samen bekommt. Oder eine Baumart kann mit einer anderen um Wasser konkurrieren, indem sie Wurzeln ausbildet, die sich weiter erstrecken oder tiefer in die Erde reichen. Konkurrenz entsteht meistens dann, wenn eine Ressource knapp ist. Dementsprechend würden Bäume zwar um Wasser und düngende Mineralien konkurrieren, nicht aber um Kohlenstoffdioxid, denn davon gibt es meistens ausreichend.

Aufgabe

Wie interagiere ich mit anderen Arten?
Zähle zehn Weisen auf, wie du mit anderen Arten in deiner Umwelt in Wechselbeziehung stehst. Sind diese Wechselbeziehungen hilfreich oder schädlich für die jeweils andere Art? Stellst du beispielsweise in deinem Garten ein Habitat für Tiere zur Verfügung? Zähle zehn Wege auf, wie du auf globaler Ebene andere Arten beeinflusst bzw. von anderen Arten beeinflusst wirst. Handelt es sich dabei um hilfreiche oder schädliche Wechselbeziehungen für die jeweils andere Art? Was könntest du verändern, um daraus verstärkt hilfreiche Wechselbeziehungen zu machen?



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Manchmal konkurrieren Organismen, ohne jemals direkt miteinander zu interagieren. Dies passiert dann, wenn sie beide dieselbe knappe Ressource nutzen. Hier ein Beispiel: Eichelhäher und Eichhörnchen fressen beide Eicheln. Wenn es den Eichhörnchen gelingt, alle Eicheln zu sammeln und zu verstecken, bevor die Häher sie finden, konkurrieren beide Arten um die Eicheln. Allerdings würden die Eichhörnchen in diesem Falle gewinnen.

Vertiefung

Wusstest du schon?
Wissenschaftler haben zwei Arten von Mehlkäfern in einem Behältnis mit Mehl ausgesetzt, um zu untersuchen, wie sie miteinander konkurrieren. Je nach Bedingung hat eine Art den Konkurrenzkampf gewonnen. Während die eine Art überlebt hat, wenn es warm und feucht war, überlebte die andere, wenn es kühl und trocken war.



Ein weiteres Beispiel dieser Art von Konkurrenz besteht zwischen zwei Arten von Hörnchen (Grauhörnchen und fuchsfarbenes Hörnchen), die in Wäldern und Parks europaweit anzutreffen sind. Beide Hörnchenarten halten sich gerne in den Bäumen und am Boden zur Nahrungssuche auf. Beide Arten bevorzugen Nüsse und Samen. Ist genug Nahrung vorhanden, so können beide Arten miteinander denselben Lebensraum bewohnen. Wird das Nahrungsangebot jedoch knapp, so wird das fuchsfarbene Hörnchen von dem Grauhörnchen verdrängt, da das Grauhörnchen etwas größer und stärker ist.

Auch Menschen wetteifern um Raum. Berlin war vor etwa 150 Jahren von viel Waldfläche und Feldern umgeben. Berlin war zudem noch viel kleiner als heute, d.h., es wurde im damaligen Umland auch noch viel Landwirtschaft betrieben. Mit der Landflucht (Menschen verließen das Land und zogen in die Stadt) wurde Berlin immer größer. Die Folge war, dass Landflächen in Wohnflächen umgewandelt wurden und somit Pflanzen und Tiere, die diesen Lebensraum (Ressource) ursprünglich besiedelt hatten, verschwanden. Somit beansprucht der Mensch nun diese Gebiete für sich.

Anmerkung

Was meinst du?
Normalerweise sind Menschen ziemlich gut darin, wenn es darum geht, mit anderen Arten um Ressourcen zu konkurrieren. Bedeutet das auch, dass Menschen das Recht dazu haben, alle Ressourcen, die sie bekommen können, zu nutzen, egal auf welchem Wege sie das machen? Erläutere deine Antwort.



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Manchmal kommt es auch zu Konkurrenz, wenn zwei Organismen buchstäblich miteinander um die Kontrolle über eine bestimmte Ressource in einem bestimmten Revier kämpfen. Kolibris ernährten sich beispielsweise von Pflanzennektar. Dabei bewachen sie mehrere Pflanzen und vertreiben alle anderen Kolibris, die versuchen, sich von diesen Pflanzen zu ernähren. Dies kann teilweise so weit gehen, dass sie sogar Motten vertreiben, die sich auch von dem Nektar ernähren wollen.

Vertiefung

Wusstest du schon?
Eulen sind sehr erfolgreiche Raubtiere - nicht zuletzt, weil sie lautlos fliegen können. Die Federn an den Flügelkanten der Eule sind kammartig gezahnt, und aufgrund ihrer weichen Oberflächenbeschaffenheit ermöglichen sie einen nahezu geräuschlosen Flug.



Ein weiteres Beispiel von Konkurrenz tritt zwischen Kormoranen (Wasservögel) und den Menschen auf, die in deren Wassergebieten Fische fangen. Wie du vielleicht weißt, frisst der Kormoran große Mengen an Fisch. Menschen, die in Seen angeln, denken manchmal, dass der Kormoran ihnen die Fische wegfrisst, die sie gerne angeln würden. Einige dieser Menschen wurden darüber so wütend, dass sie Kormorane mit einem Gewehr abschossen. Das ist illegal, und mehr als nur eine Person wurde bereits bei dem Versuch verhaftet, Kormorane zu erschießen. Generell ist es bei diesen und anderen konkurrierenden Interaktionen so, dass eine Art gewinnt, während die andere verliert.

Räuber-Beute-Beziehungen

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Eine weitere Möglichkeit von Wechselbeziehungen zwischen zwei Arten, in denen eine Art gewinnt und eine andere verliert, ist, wenn ein Räuber seine Beute frisst. Diese Interaktion wird Prädation oder Raub genannt und kommt überall vor. Wenn eine Katze einen Vogel fängt, ist das Prädation. Wenn eine Eule eine Maus fängt oder ein Häher die Eier eines anderen Vogels frisst, ist das auch Prädation. Einige Ökologen gehen sogar davon aus, dass es sich auch bei Rehen, die Gras fressen, um eine Form von Prädation handelt.

Das wohl bekannteste Beispiel für eine Wechselbeziehung zwischen Raubtier und Beute ist die Geschichte von Luchsen und Hasen in Nordkanada. Luchse sind Wildkatzen, die Schneeschuhhasen fressen. Beide Arten wurden wegen ihres Fells bejagt. Mehr als hundert Jahre lang wurden Luchse und Hasen gefangen und ihre Felle an die Hudson Bay Company verkauft. Während der gesamten Zeit hat die Firma genau aufgeschrieben, wie viele Felle sie pro Jahr gekauft haben.

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Sieh dir nun das Schaubild in Abbildung 2.33 an. Der grüne Verlauf zeigt die Populationsgröße der Hasen an, der rote Verlauf die Populationsgröße der Luchse in einer bestimmten Zeit (meist über ein ganzes Jahr).

Das Interessante daran ist, dass die Anzahl von Luchsen ganz eng mit der Anzahl von Hasen zusammenhängt. Das Muster ergibt einen Sinn, weil sich die Luchse von den Hasen ernähren. Wenn es eine große Menge an Hasen gibt, können die Luchse sich und ihre Jungen ganz leicht ernähren. Dementsprechend steigt die Zahl der Luchse an. Wenn es allerdings nur wenige Hasen gibt, von denen die Luchse sich und ihre Jungen ernähren können, überleben nur wenige Luchsjunge und die Zahl der Luchse nimmt ab.

Was kann ein Beutetier machen, um von einem Raubtier nicht gerissen zu werden? Eine Antwort hierfür ist es, sich zu tarnen. Zur Tarnung zählen Farben, Musterungen oder Körperformen, die dazu beitragen, dass sich eine Pflanze oder ein Tier in seiner Umgebung verstecken kann. Mit der Tarnung kann sich eine Pflanze oder ein Tier seiner Umgebung optisch anpassen. Durch die optische Anpassung an die jeweilige Umgebung fällt es den Raubtieren schwer, ihre Beute zu sehen. Wahrscheinlich fallen dir eine Menge Beispiele ein. Motten ähneln häufig der Baumrinde der Bäume, auf denen sie rasten. Laubheuschrecken sehen aus wie Blätter, wenn sie ihre Flügel zusammengefaltet haben. Stabschrecken sehen aus wie kleine Äste oder Zweige, und du würdest wahrscheinlich gar nicht auf die Idee kommen, dass es sich um ein Insekt handelt, bis es beginnt, sich zu bewegen.

Auch größere Tiere tarnen sich. Ein Beispiel hierfür ist die Nordamerikanische Rohrdommel. Die Nordamerikanische Rohrdommel ist ein großer, braunweißer Watvogel, der bevorzugt in den Pflanzen am Rande von Süßwasserseen jagt. Rohrdommeln haben lange braune Streifen, die sich an ihren weißen Hälsen hochziehen. Beim Stehen recken sie ihre Schnäbel in die Luft, sodass die braunen Streifen eine Einheit mit den Pflanzen der Umgebung bilden. Obendrein wiegen die Rohrdommeln mit den sie umgebenden Pflanzen im Wind. Einige Tiere, wie beispielsweise das Hermelin, ein Tier aus der Familie der Marder, wechselt in den verschieden Jahreszeiten die Farbe seines Fells. Im Winter wechselt das Hermelin seine Farbe von braun und schwarz nach weiß; mit Ausnahme seines Schweifs, dessen Ende schwarz bleibt.

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Mimikry, oder Nachahmung ist eine weitere Möglichkeit, wie Beutetiere Jäger täuschen. Bei der Nachahmung sieht ein Organismus wie eine andere Art aus. Ein klassisches Beispiel ist der Viceroy-Schmetterling. Viceroy-Schmetterlinge sehen den orange- und schwarzfarbenen Monarchfaltern sehr ähnlich, die du im Herbst gen Süden fliegen siehst. Warum aber würde es einem Viceroy-Schmetterling von Nutzen sein, wie ein Monarchfalter auszusehen? Vögel machen gerne Jagd auf Schmetterlinge. Gleichzeitig jagen Vögel aber keine Monarchfalter, weil diese giftig für Vögel sind. Wenn ein Vogel einen Monarchfalter fressen würde, würde er ihn sofort wieder ausspucken. Dieser Umstand kommt dem Viceroy-Schmetterling zugute. Vögel, die gelernt haben, nicht zu versuchen, den Monarchfalter zu fressen, werden auch den Viceroy-Schmetterling meiden. Dieser Zusammenhang kann für den Monarchfalter vorteilhaft sein. Auch Viceroy-Schmetterlinge sind für Vögel ungenießbar. Folglich wird ein Vogel, der weder Monarchfalter noch Viceroy-Schmetterlinge frisst, lernen, jeden orange- und schwarzfarbenen Schmetterling zu meiden!

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Vertiefung

Wusstest du schon?
Viele Parasiten leben in ihren Wirten. Ein Beispiel hierfür ist der Bandwurm, der in den Eingeweiden von Tieren lebt.

Parasiten

Die Interaktion zwischen Parasiten und ihren Wirten ist eine weitere Variante für eine Wechselbeziehung zwischen zwei Arten, in der die eine Art gewinnt, während die andere verliert. Parasiten sind Organismen, die ihre Nahrung von einem Wirt beziehen, ohne ihn dabei zu umzubringen. Ein Parasit, den du wahrscheinlich am besten kennst, ist der Floh. Flöhe haben zum Beispiel Hunde als Wirte und ernähren sich von deren Blut. Ein Wirt ist ein Organismus, der einem parasitären Organismus als Nahrungsquelle dient, ohne dabei zu sterben. Der Unterschied zwischen Räubern und Parasiten ist, dass Parasiten ihre Wirte normalerweise nicht umbringen.

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Aufgabe

Fragen zur Überprüfung

  1. Was verstehen Ökologen unter dem Begriff Konkurrenz?
  2. Was ist der Unterschied zwischen einem Räuber und einem Parasiten?
  3. Erläutere ein dir bekanntes Beispiel für Mutualismus, das nicht in diesem Buch verwendet wird.

Einzelnachweise