Geschlechtsidentität und Körperbild

Mixed.jpg

Wie nimmst du dich selbst physisch und psychisch wahr?

Deine Identität bezieht sich auf die Kennzeichen, die dich ausmachen. Die Identität ist die Antwort auf die Frage: "Wer bin ich?" Diese Kennzeichen beinhalten physische Merkmale, Interessen, Persönlichkeit, ethnische Herkunft, dein Gender und so weiter. Eines deiner charakteristischsten persönlichen Kennzeichen ist es, entweder männlich oder weiblich zu sein. Ein Kind lernt bereits mit zwei bis drei Jahren, diese Unterscheidung zu treffen, und wird sehr unglücklich, wenn du diesbezüglich einen Fehler machst.

Ich dachte immer, dass Jungs eklig sind. Jetzt find ich sie gar nicht mehr so schlimm.



Das biologische Geschlecht einer Person bezieht sich darauf, ob sie männlich oder weiblich ist. Momentan wird häufig die Bezeichnung Gender verwendet, wenn von männlich oder weiblich die Rede ist. Wissenschaftler hingegen nutzen Geschlecht und Gender in unterschiedlichen Kontexten: Geschlecht bezieht sich auf biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau, oder was sie zu Männern und Frauen macht; beispielsweise ihre Gene, Hormone, Geschlechtsorgane, sekundären Geschlechtsmerkmale und weitere Aspekte mehr, die ihren Körper betreffen. Diese biologischen Unterschiede machen das biologische Geschlecht einer Person aus.

Männer und Frauen unterscheiden sich dennoch auf andere Weise als nur in der Form und Funktion ihrer Körper. Gender bezieht sich auf die unterschiedlichen Gefühle, Gedanken und das Verhalten; Dinge, die Männer männlich und Frauen weiblich machen – also das soziale Geschlecht.

Vertiefung

Wusstest du schon?
Die Bezeichnung Rolle bezog sich ursprünglich auf eine kleine hölzerne Rolle, um die das Rollenheft eines Schauspielers gewickelt war. Die Idee einer Rolle stammt aus der Arbeit im Theater, wo ein Schauspieler eine Rolle nach dem zugrunde liegenden Skript oder Drehbuch spielt.



Die biologische Anlage legt die Geschlechtsunterschiede zwischen männlichen und weiblichen Körpern fest. Körper sind im Grunde in allen Kulturen gleich, jedoch werden die Unterschiede bezogen auf das Gender durch unsere soziale und kulturelle Bezugsgruppe geformt. Bezogen auf das Gender gibt es zwei wichtige Bereiche: Geschlechtsidentität, also wie du dich selbst als maskulin oder feminin wahrnimmst, und die soziale Geschlechterrolle, also die gesellschaftsbezogenen Erwartungen an dein Verhalten, die mit deinem biologischen Geschlecht verknüpft werden. Diese sind wie die zwei Seiten einer Münze unterschiedlich, hängen aber eng miteinander zusammen.

Gender-Identitaet.jpg



Was du über dich als Mann oder Frau – deine Männlichkeit oder Weiblichkeit – denkst und fühlst, definiert deine Geschlechtsidentität. Momentan ist noch ungewiss, wann und wie sich dieser Sinn für die Geschlechtsidentität ausprägt. Einige Forscher gehen davon aus, dass die Geschlechtsidentität biologisch geformt wird, möglicherweise durch vorgeburtliche Auswirkungen von Hormonen. Während der Pubertät verändert sich die Geschlechtsidentität. Zu diesem Zeitpunkt spielen Hormone wieder eine entscheidende Rolle.

Andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Geschlechtsidentität während des Kindesalters erlernt wird und bis zum dritten Lebensjahr festgelegt ist. Bereits im frühen Kindesalter werden Jungen und Mädchen durch die Erwartungen von anderen sozialisiert, von sich selbst in einer bestimmten Art und Weise zu denken. Eltern, andere Erwachsene und Freundinnen und Freunde behandeln dich bewusst oder unbewusst auf eine bestimmte Weise, die von deinem Geschlecht abhängt. Einige Forscher gehen davon aus, dass es nicht biologische Gründe, sondern soziale Erwartungen sind, die festlegen, was es bedeutet, männlich oder weiblich zu sein.

Am wahrscheinlichsten ist es, dass sowohl biologische als auch soziale Faktoren die Geschlechtsidentität festlegen, wie in Abbildung 7.20 gezeigt wird.

Anmerkung

Was meinst du?
Fallen dir Drehbücher für soziale Situationen ein, die uns sagen, wie wir uns in bestimmten sozialen Situationen verhalten sollen? Wie beeinflussen dich Erwartungen bezüglich deiner sozialen Geschlechterrolle während der Adoleszenz?



Wie wirkt sich die Pubertät auf deine Geschlechtsidentität aus? Bereits Kinder wissen, dass sich die Geschlechtsorgane von Jungen und Mädchen unterscheiden. Allerdings unterscheiden sich Jungen und Mädchen vor der Pubertät nicht sonderlich voneinander, wenn sie angekleidet sind. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn sie denselben Haarschnitt haben. Während du in der Pubertät heranreifst, werden die Unterschiede mit den sich ausprägenden sekundären Geschlechtsmerkmalen deutlicher und führen dazu, dass sich eindeutig erkennen lässt, wer männlich und wer weiblich ist. Diese Unterschiede werden weiterhin durch die Art und Weise verdeutlicht, wie sich Jungen und Mädchen kleiden, ihre Haare schneiden lassen und durch all die anderen Merkmale, mit denen sie signalisieren, ob sie weiblich oder männlich sind.

Unterschiede bezogen auf die äußere Erscheinung sind aber nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes. Geschlechtsidentität beinhaltet auch, wie eine Person über sich selbst als Junge oder Mädchen denkt. Ein wichtiger Teil der Geschlechtsidentität ist, welche Erwartungen andere Menschen an dein Verhalten stellen und wie die Gesellschaft deine soziale Geschlechterrolle definiert.

Intersexualität und Transsexualität

Transsexualität

Vielleicht hast du schon einmal davon gehört, dass Männer sich zu Frauen oder Frauen sich zu Männern "umoperieren" lassen. Dafür entscheiden sie sich, weil sie sich mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht wohlfühlen und zu dem anderen Geschlecht gehören wollen. Man nennt das Transsexualität. Transsexuelle Menschen können sehr darunter leiden, im falschen Körper zu stecken und entscheiden sich deshalb als Erwachsene freiwillig für die aufwändigen und schmerzhaften Operationen und die ebenfalls für die vollständige Geschlechtsumwandlung notwendige Einnahme von Hormonen.

Menschen, die sich als das jeweils andere Geschlecht verkleiden, jedoch nicht notwendigerweise auch den Wunsch haben, zum anderen Geschlecht zu gehören und sich operieren zu lassen, nennt man Transvestiten. Drag Queens, besonders auffällig und prunkvoll als Frau gekleidete und geschminkte Männer kannst du z. B. in Travestieshows oder bei Paraden sehen.

Intersexualität

Manchmal können Menschen auch keinem der beiden Geschlechter eindeutig zugeordnet werden. Sie sind ihren genetischen Merkmalen, der Form ihrer Geschlechtsorgane und / oder ihrem eigenen Empfinden sowohl weiblich als auch männlich. Heute nennt man diese Menschen intersexuell oder zwischengeschlechtlich. Die alten Worte Zwitter oder Hermaphrodit solltest du nicht mehr verwenden, da viele Betroffenen das diskriminierend finden.

Sicher kannst du dir vorstellen, dass es nicht einfach ist, als intersexueller Mensch in dieser Welt zu leben, die alles in männlich und weiblich unterteilt, z. B. Vornamen, Kleidung, Toiletten und Sportteams. Ein weiteres Problem von Intersexuellen kann sein, dass sie verspottet werden, weil sie sich nicht wie ein typischer Junge oder ein typisches Mädchen verhalten, oder wegen des "komischen" Aussehens ihrer Geschlechtsorgane.

Deshalb glaubte man lange, dass es am besten wäre, Intersexuelle durch Operationen in der frühesten Kindheit und Hormongaben ab der Pubertät körperlich möglichst "gut" an eines der Geschlechter anzupassen. Das heißt, dass ihnen z. B. ein unvollständiger oder zu kleiner Penis amputiert wurde, damit sie wie ein Mädchen aussehen. Mittlerweile weiß man aber, dass diese gutgemeinten Zwangsbehandlungen, für die sich Intersexuelle im Gegensatz zu Transsexuellen nicht freiwillig entscheiden, großes körperliches und psychisches Leid verursachen. Die Zuordnung zu einem Geschlecht ist in den meisten Fällen falsch, so dass sich die Betroffenen im falschen Körper fühlen. Noch schlimmer wird es dadurch, dass Eltern und Ärzte oft die Wahrheit verheimlichen.

Nachdem man sich dieser negativen Folgen und der Rechte der Intersexuellen, über ihren Körper und ihr Geschlecht selbst zu entscheiden, bewusst geworden ist, entscheiden sich gut informierte Eltern immer öfter dafür, ihr Kind nicht operieren zu lassen. Sie lassen es stattdessen zwischen den Geschlechtern aufwachsen, so dass es später selbst entscheiden kann, ob es Mann, Frau oder weiterhin beides sein will. Dann geben sie ihrem Kind oft auch einen geschlechtsneutralen Namen, wie z. B. Sascha oder Kim. Seit 2013 muss man auch für die Eintragung im Geburtenregister kein Geschlecht mehr angeben, so dass das Kind wirklich Wahlfreiheit hat.


1. Kennst du transsexuelle Menschen oder hast du schon einmal eine Travestieshow oder Drag Queen gesehen? Wie gehst du damit um?

2. Was meinst du, wie mit intersexuell geborenen Menschen umgegangen werden sollte? Was spricht dafür, ihnen früh ein Geschlecht zuzuweisen und sie zu operieren, was dagegen?

3. Was bedeuten diese Variationen in der Geschlechtsidentität für dein eigenes Geschlechtsverständnis?


Was sind soziale Geschlechterrollen?

Die Verhaltensrollen sind evolutionsbiologisch ableitbar. Zur Zeit der Jäger und Sammler war es für Männer günstig, mehr Muskelmasse aufzubauen, um bei der Jagd erfolgreicher zu sein. Die Frauen haben sich meist um die Kindeserziehung, die Feldbestellung und das Feuer gekümmert. Aus diesen unterschiedlichen Anforderungen haben sich geschlechtsspezifische Verhaltensmuster herausgebildet. Weiter nehmen die kulturellen Entwicklungen und die vorherrschende Religion des Landes, in dem man lebt, einen großen Einfluss auf die zugewiesenen Verhaltensrollen. Meine Umgebung gibt mir somit vor, wie ich mich als Mann oder Frau in diesem Kulturkreis zu verhalten habe. Diese spezifischen Rollen sind jedoch veränderbar. Die Frauenbewegung ab 1968 hat in Deutschland den Status der Frau in unserer Gesellschaft deutlich verbessert. Aber bis heute ist die Gleichstellung noch nicht vollständig erreicht: 2012 verdienten Frauen in Deutschland im Durchschnitt 22% weniger als Männer, und dieser Abstand hat sich in den letzten Jahren kaum verkleinert [1]. In den alten Bundesländern einschließlich Berlin betrug der Abstand 24%, in den neuen Bundesländern nur 8%.

Refexion
Was könnte die Ursache dafür sein, dass der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern in den neuen Bundesländern geringer ist als in den alten? Informiere Dich über die Stellung der Frau in der DDR.



Die Tatsache, dass Jungen gewöhnlich größer und aggressiver sind, führt dazu, dass sie andere Spiele spielen. In der Vergangenheit führte dieser Umstand dazu, dass sie andere Rollen übernahmen, wie beispielsweise die von Jägern und Kriegern. Mädchen lernten demgegenüber Fertigkeiten, die sich auf die Zubereitung von Nahrung und die Erziehung von Kindern bezogen. Beachte, dass diese spezifischen Verhaltensrollen nicht unbedingt zutreffen. Viele Väter sind an der Erziehung ihrer Kinder beteiligt. Frauen arbeiten zunehmend auch in sogenannten "Männerberufen", zum Beispiel als Mechatronikerinnen.

Aggression, Ausdruck von Emotionen und Gender

Während der Pubertät werden einige Emotionen intensiver. Hierzu zählen beispielsweise der Sexualtrieb, Aggression und der emotionale Ausdruck.

Aggression hat zwei unterschiedliche Bedeutungen. Einerseits bedeutet Aggression, durchsetzungsfähig, aktiv, mutig, beharrlich zu sein und die Initiative zu ergreifen. Andererseits bedeutet Aggression auch anzugreifen, zu kämpfen, zu erobern und Schmerz zu verursachen.

Aggressives Verhalten nimmt mit beiden Bedeutungen bei beiden Geschlechtern nach der Pubertät zu, insbesondere aber bei Jungen. Denk einmal an die sportlichen Aktivitäten und die Spiele, die männliche Jugendliche häufig betreiben, und wie sie diese im Vergleich zu Kindern spielen. Bei männlichen Jugendlichen ist es wahrscheinlicher, dass sie einander schubsen und drängeln. Als Kinder hätten sie dies noch nicht in dem Ausmaß gemacht.

2011 standen in Deutschland 31730 Jungen zwischen 14 und 18 Jahren unter Verdacht, eine gefährliche oder schwere Körperverletzung begangen zu haben. 2012 waren es nur noch 27095. Bei den Mädchen ging die Zahl in diesem Zeitraum von 5506 auf 4620 zurück. Trotz dieses Rückgangs stellt Jugendgewalt ein Problem dar.[2]

Bei Mädchen tritt Aggression im ersten Sinne des Wortes auf, also in Hinblick darauf, Initiative zu zeigen, aktiv und beharrlich zu sein. Demgegenüber zeigen Mädchen weniger Aggressionen in Form von physischer Gewalt. Mädchen begehen vergleichsweise sehr selten Gewaltverbrechen.

Warum sollte es einen plötzlichen Anstieg an Aggression in der Pubertät geben und warum sollten Jungen und Mädchen sich in dieser Hinsicht unterscheiden? Man könnte argumentieren, dass Kinder aggressiv sind und sie während der Pubertät größer werden und mehr Schaden anrichten können. Größer und stärker zu sein kann zu einer gesteigerten Aggression beitragen, ist aber keinesfalls die einzige Erklärung. Es ist, als ob ein Aggressionstrieb, ähnlich dem Sexualtrieb, erwacht. Einige Menschen gehen davon aus, dass ein erhöhter Testosteronspiegel diese Verhaltensänderung hervorruft. Bisher konnte dies aber durch keine Studie bestätigt werden.

Wenn die biologischen Faktoren nicht die Antwort sind, müssen wir andere Faktoren in Erwägung ziehen. Kulturelle Unterschiede können auch eine wichtige Rolle spielen. Gesellschaften, auch unsere, haben unterschiedliche Verhaltenserwartungen, die sie an Jungen und Mädchen stellen, insbesondere bezogen auf aggressives Verhalten. Diese Erwartungen tragen schon früh im Leben eines Jungen oder eines Mädchens zu der Art und Weise bei, wie er oder sie sich verhält.

Studien, die sich mit Jugendlichen in unterschiedlichen Kulturen befassen, zeigen wichtige Unterschiede bezogen auf das Aggressionslevel. Selbst in deiner Klasse sind einige der Schülerinnen und Schüler wahrscheinlich aggressiver oder streitlustiger als andere. Derartige individuelle Unterschiede sind einfacher vor dem Hintergrund von Sozialisations- und Lernprozessen oder dem familiären Hintergrund zu erklären als durch biologische Faktoren.

Genauso wie die Aggression erhöht sich auch der Ausdruck von Emotionen während der Pubertät erheblich. Männliche und weibliche Jugendliche erleben häufig Stimmungsschwankungen. So können sie in einem Augenblick fröhlich und im nächsten bereits wieder traurig sein. An einem Tag können sie sich für ein Projekt begeistern, an dem sie am nächsten wiederum das Interesse verlieren. Sie können "aus der Haut fahren" und Türen knallen und sich dann wieder beruhigen, als ob nichts gewesen wäre. Natürlich benehmen sich nicht alle Jugendlichen die ganze Zeit über so.

Der Ausdruck von Emotionen ist auch eine Funktion von Geschlechterrollen und Kultur, die sich in der Art und Weise widerspiegelt, wie Jungen und Mädchen beigebracht wird, sich zu benehmen. Hierzulande scheinen Jungen kein Problem damit zu haben, die Geduld zu verlieren, gleichzeitig wird aber "erwartet", dass sie nicht weinen, wenn sie traurig sind. Demgegenüber ist es wahrscheinlicher, dass Mädchen weinen, wenn sie traurig, wütend oder enttäuscht sind, als dass sie die Beherrschung verlieren und z. B. zornig werden.

Auch hier sind Wissenschaftler derzeit noch nicht in der Lage genau zu sagen, warum sich der Emotionsausdruck zwischen Jungen und Mädchen unterscheidet und was den plötzlichen Anstieg an Ausdruck von Emotionen während der Pubertät verursacht. Sachverhalte, die sich auf Geschlechterrollen und das damit assoziierte Verhalten beziehen, sind aber nur ein Teil der wissenschaftlichen Untersuchung von Anlage (biologische Faktoren) gegenüber Umwelt (soziale Faktoren, zum Beispiel Erziehung).

Die Angst vor dem Anderssein

Eine Quelle der Furcht, bezogen auf Veränderungen, ist die Angst davor, anders zu sein. Obwohl jungen Menschen klar ist, dass alle die Pubertät durchlaufen, zeigen sich nicht bei allen die Veränderungen zur selben Zeit oder in derselben Art und Weise. Besonders für diejenigen, die die Veränderungen früher oder aber später als andere zeigen, kann das Gefühl entstehen, anders zu sein. Genau wie die Furcht vor Unbekanntem kann Andersartigkeit Stress auslösen und in einer Person Fragen aufwerfen, zum Beispiel: "Warum passiert das (nicht) mit mir?", "Bin ich normal?", "Was sollen meine Freunde oder andere von mir denken?"

Aus diesem Grund neigen Jugendliche häufig dazu, "Normalsein" mit der Art und Weise zu verbinden, wie viele andere sind. Wenn sie anders sind als andere, kann es zu einer Furcht davor kommen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt oder sie nicht "normal" sind.

Einige Unterschiede zwischen jungen Menschen dauern bis in das Erwachsenenalter an. Ein dreizehnjähriger Junge, der beispielsweise größer ist als ein anderer, kann mit 18 Jahren immer noch größer sein als der andere. Wenn man sich mit jungen Menschen beschäftigt, die sich früh oder spät entwickeln, gestaltet es sich in anderen Fällen jedoch als schwierig vorauszusagen, wie sie im Erwachsenenalter aussehen werden. Denke zum Beispiel über deine Größe nach und betrachte Abbildung 7.21.

Wachstum.jpg

Die Folgen davon, hinter dem Zeitplan zu sein

Viele Unterschiede, die mit der Wachstumsgeschwindigkeit in der Pubertät zu tun haben, werden ohne große Mühe weggesteckt. Darüber hinaus gleichen sich die Unterschiede aus, wenn ein Jugendlicher in das Erwachsenenalter eintritt. In einem rein biologischen Verständnis macht eine frühe oder späte Entwicklung keinen Unterschied, da dies Teil des natürlichen Entwicklungsprozesses ist. Dennoch gibt es bestimmte Auswirkungen einer frühen oder späten Entwicklung. Diese Auswirkungen sind sowohl psychischer als auch sozialer Natur und beziehen sich darauf, wie du dich in Hinblick auf dich selbst fühlst und wie dich andere wahrnehmen.

Anmerkung

Was meinst du?
Welche Strategien zur Stressbewältigung kennst du? Wie gehst du damit um, anders als andere zu sein? Wie kannst du jemanden dabei unterstützen? Wie kannst du Vertrauen in deine eigenen Stärken und Interessen entwickeln, insbesondere dann, wenn sie sich gänzlich von denen der anderen unterscheiden?



Hier sind einige Beispiele:

  • Mädchen als Gruppe reifen generell früher heran als Jungen. Das kann zu Unbehaglichkeiten in sozialen Situationen, wie beispielsweise beim Tanzen, führen, bei denen Mädchen dann häufig schon reifer und größer wirken.
  • Für einzelne Jugendliche, die sich schneller oder langsamer entwickeln als Menschen in ihrer sozialen Bezugsgruppe, ist es oft eine größere Herausforderung, mit diesen Veränderungen klarzukommen. Sie sehen häufig nicht nur anders aus als ihre gleichaltrigen Freundinnen oder Freunde, sondern sind sich nicht sicher, zu welcher Gruppe sie gehören; der Gruppe, die ihrem Alter entspricht, oder der Gruppe, die ihrem Entwicklungsstand entspricht.
  • Mädchen, die sich früh entwickeln, können sich in die Pubertät "gehetzt" fühlen, weil sie dafür psychisch noch nicht bereit sind. Wenn die Freunde noch nicht in der Pubertät sind, kann es sein, dass sich der Freundeskreis kurzzeitig verschiebt, bis die anderen in ihrer Entwicklung aufgeholt haben. Unter Umständen vernachlässigen sie dann zunächst alte Schulfreundinnen oder Schulfreunde, bis diese Freunde in ihrer Entwicklung aufgeholt haben. Darüber hinaus kann es sein, dass Mädchen, die sich früh entwickeln, bei anderen Mädchen weniger gefragt sind, während sie gleichzeitig aber Aufmerksamkeit von älteren Jungen bekommen.
  • Bei sich früh entwickelnden Mädchen kann es sein, dass sie mehr wiegen und ein bisschen weniger groß werden als Mädchen, die sich spät entwickeln. Durch das kulturbedingte Schlankheitsideal kann es dazu kommen, dass diese Mädchen ein schlechteres Körperbild entwickeln. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Mädchen unnötigerweise eine Diät machen, ist höher als bei anderen.
  • Mädchen, die sich spät entwickeln, werden tendenziell größer.
  • Im Gegensatz dazu haben Jungen, die sich früh entwickeln, entsprechend eher stärker entwickelte Körper und sind dann solange im Sportunterricht im Vorteil, bis die Jungen, die sich spät entwickeln, aufholen. Dies trägt dazu bei, dass sie bei ihrer sozialen Bezugsgruppe angesehener sind. Erwachsene neigen häufig dazu, mehr von Kindern zu erwarten, die älter aussehen, als sie tatsächlich sind. Diese Erwartungen können manchmal unfair sein, wenngleich sie auch durchaus von Vorteil sein können.
  • Jungen und Mädchen, die sich früh entwickeln, teilen aber auch mögliche Nachteile, wenn sie Dinge tun, die für Erwachsene vorgesehen sind, wie beispielsweise rauchen, trinken und Geschlechtsverkehr. Durch eine frühe Reifung sind sie früher als ihre gleichaltrigen Freundinnen und Freunde hohen Risiken ausgesetzt. Auch kann es sein, dass sie im Vergleich zu Spätentwicklern eine schwächere emotionale Gesundheit haben. Generell sind Mädchen von den negativen Auswirkungen stärker betroffen als Jungen.
  • Spätentwicklern bleiben unter Umständen einige dieser Risiken erspart. Dadurch, dass sie nicht durch die frühen Veränderungen der Pubertät betroffen sind, konzentrieren sie sich vielleicht stärker auf ihre Schularbeiten. Dennoch können sie oder ihre Umwelt ein wenig besorgt sein, dass sie entwicklungstechnisch „hinterherhinken“. Das trifft vor allem auf die Jungen zu, die an Wettkampfsport interessiert sind.



Anmerkung

Was meinst du?

  • Für wen ist die Anpassung bei einer frühen oder späten Entwicklung schwerer? Für Jungen oder Mädchen?
  • Welche Vorteile hast du jetzt gerade in deinem Leben, die du zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht niemals wieder haben wirst?
  • Wonach suchst du deine Freunde aus?
  • Warum ist es wichtig, dich mit Menschen zu umgeben, die wie du sind? Warum ist es wichtig, dich mit Menschen zu umgeben, die anders sind als du?



Vertiefung

Inwieweit spielt es eine Rolle, ob du männlich oder weiblich bist – bei der Art und Weise, wie du denkst, fühlst, dich verhältst, bei den Dingen, die du machst, bei den Möglichkeiten, die du hast und bei dem, was andere über dich denken? Wie viel davon geht deiner Meinung nach darauf zurück, dass du als Junge oder Mädchen geboren wurdest und wie viel auf die Gesellschaft, die dich umgibt?



Aufgabe

Fragen zur Überprüfung

  1. Was ist der Unterschied zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht (Gender), wenn von Männern und Frauen die Rede ist?
  2. Was ist der Unterschied zwischen Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle?
  3. Erläutere, worauf wir die Geschlechterunterschiede von Aggression und dem Ausdruck von Emotionen zurückführen können.
  4. Erläutere drei Konsequenzen, zu denen eine frühe oder späte Entwicklung führen kann.
  5. Was sind drei Stressquellen für Jugendliche?

Einzelnachweise

  1. Zahlengrundlage ist der Bruttostundenverdienst; Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung zum Equal Pay Day am 19.3.2013: Verdienstunterschiede zwischen Frauen und Männern bleiben weiter bestehen. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2013/03/PD13_108_621.html (Zugriff: 27.12.13)
  2. Bundesministerium des Inneren: Polizeiliche Kriminalstatistik 2012, S. 11; http://www.bka.de/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/pks__node.html (Zugriff: 27.12.13)