Biologische Vielfalt erhalten

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Wie sterben Arten aus und was können Menschen tun, um diesen Verlust an Biodiversität zu verhindern?

Wir verlieren an Artenreichtum und Artenvielfalt, wenn eine Art ausstirbt. In diesem Kapitel wirst du einige der Ursachen für das Aussterben von Arten erforschen und einige Wege erkunden, wie Naturschutzbiologen dazu beitragen, biologische Vielfalt zu bewahren.

"...die Dämmerung ist eine Zeit um zu teilen und sich zu erinnern; sich an alle schönen Dinge zu erinnern, die durch unsere leichtsinnigen Hände verschwendet wurden; unsere häufige Missachtung von anderen Lebewesen; die vielen ungehörten Gesänge, weil wir nicht gelauscht haben. Lausche heute Abend mit all der Weisheit deines Geistes; lausche auch mit der vollen Hingabe deines Herzens, für den Fall, dass einmal eine Nacht kommt, wenn es nur Stille gibt; eine große und absolute Stille."



Wenn Arten verschwinden: Aussterben

Ein erster Schritt bei der Erhaltung der biologischen Vielfalt ist herauszufinden, auf welche Weise wir diese Vielfalt verlieren. Aus diesem Grund untersuchen Naturschutzbiologen Arten, die vom Aussterben bedroht sind. Sie versuchen darüber hinaus zu ergründen, was mit Arten passiert ist, die bereits ausgestorben sind. Eine Art gilt dann als ausgestorben, wenn alle Individuen dieser Art gestorben sind.

Der erste Schritt, den Biologen bei der Untersuchung der Ursachen für das Aussterben einer Art nehmen, ist es herauszufinden, was die eigentliche und die direkte Ursache hierfür war. Die Bezeichnungen eigentliche Ursache und direkte Ursache bedürfen einer Erläuterung: Eine eigentliche Ursache ist ein Umstand, der eine Reihe von Ereignissen nach sich zieht. In unserem Fall führen die Ereignisse zum Aussterben einer Art. Eine direkte Ursache ist ein Umstand, der genau vor einem Ereignis passiert und dazu führt, dass sich dieses Ereignis in dem Moment ereignet. Um den Unterschied zwischen eigentlicher und direkter Ursache besser zu verstehen, denk über das folgende Beispiel nach: Dein kleiner Bruder weint. Die direkte Ursache ist, dass du mit ihm geschimpft hast. Allerdings ist die eigentliche Ursache, dass er dir deinen Schokoriegel geklaut hat, was dazu führte, dass du mit ihm geschimpft hast. Weint dein Bruder nun also, weil du mit ihm geschimpft hast, oder weil er deinen Schokoriegel ohne dein Einverständnis genommen hat? Die Antwort lautet: Beides!

Vertiefung

Wusstest du schon?
Regenwälder sind einige der vielfältigsten biologischen und natürlichen Lebensgemeinschaften der Welt. Jeden Tag werden rund 29947 Hektar davon vernichtet. Das entspricht etwa der Größe von 41942 Fußballfeldern.



Die Geschichte des Braunpelikans ist ein gutes Beispiel für eine eigentliche und eine direkte Ursache: Der Braunpelikan war in den 1970er Jahren fast ausgestorben. Biologen haben entdeckt, dass die Pelikane Eier legten, deren Schalen unheimlich dünn waren. Die Schalen waren so weich, dass sie unter dem Gewicht des Muttertiers zerbrachen. Die direkte Ursache dafür, dass diese Pelikanart beinahe ausgelöscht worden wäre, war also, dass die Muttertiere die Eier beim Brüten mit ihrem Gewicht zerdrückt haben, noch bevor die Küken schlüpfen konnten.

Vertiefung

Wusstest du schon?
Du kannst Schädlinge auf natürliche Weise bekämpfen, also ohne den Einsatz von Pestiziden, wie beispielsweise DDT. Anstelle von chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln kannst du die Schädlinge bekämpfen, indem du ihre natürlichen Feinde einsetzt, wie zum Beispiel den Marienkäfer.



In der Folge versuchten die Biologen festzustellen, warum die Pelikane Eier mit so dünnen Schalen legten. Sie fanden heraus, dass die Nahrung der Pelikane mit DDT verseucht war, einem Pestizid, das von Landwirten zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt wurde. Das DDT führte dazu, dass die Pelikane aufhörten, Calcium zu produzieren. Calcium sorgt beispielsweise dafür, dass die Eierschale ausreichend dick wird. Dementsprechend war der Einsatz des Pestizids DDT die eigentliche Ursache dafür, dass die Pelikane beinahe ausgestorben wären.

Offensichtlich hatten die Landwirte DDT auf ihren Feldern versprüht, das vom Regen von den Feldern gespült wurde und so in Teiche und Seen, letztlich aber auch ins Meer gelangte. Dort wurde das DDT von Produzenten, dem sogenannten Phytoplankton (pflanzliches Plankton), absorbiert. Das Phytoplankton wurde von Herbivoren, dem sogenannten Zooplankton, gefressen, das wiederum von kleinen Fischen gefressen wurde. Diese kleinen Fische wurden von größeren Fischen gefressen, von denen sich dann schließlich der Braunpelikan ernährt hat. Du siehst also, dass das DDT die Nahrungskette einfach nur weiter nach oben gewandert ist!

Glücklicherweise hat diese Geschichte ein gutes Ende. Die Regierung hat letztlich den Einsatz von DDT verboten. Seitdem die Landwirte kein DDT mehr zur Bekämpfung von Schädlingen verwenden dürfen, wird es auch nicht mehr von den Feldern gespült und landet dementsprechend auch nicht mehr im Meer. Letzten Endes war die Nahrung der Pelikane nicht mehr mit DDT verseucht, was dazu führte, dass die Pelikane auch wieder anfingen, Eier mit dickeren Schalen zu legen. So konnten die Pelikanküken wieder ausgebrütet werden und schlüpfen. Nach einiger Zeit konnte sich dann auch die Population wieder erholen und ansteigen. Du siehst, die Biologen mussten also die eigentliche Ursache (Einsatz von DDT) für den Populationsrückgang bestimmen, um das Problem der direkten Ursache (dünne Eierschalen) lösen zu können.

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Vertiefung

Wenn eine Art wie der Braunpelikan stark gefährdet ist, wie viel Geld, Zeit und Anstrengung sollte deiner Meinung nach aufgewendet werden, um dessen Aussterben zu verhindern? Findest du, dass es ebenso wichtig ist, dass Regierungen Geld für den Artenschutz ausgeben wie für Gesundheitsvorsorge, Menschen ohne festen Wohnsitz, Bildung, Militär, Waffen, Straßen und das Verkehrswesen? Warum oder warum nicht?

Ein Naturschutzgebiet entwerfen

Eine Möglichkeit, wie Naturschutzbiologen Biodiversität bewahren, besteht darin, dass sie geschützte Gebiete schaffen, sogenannte Naturschutzgebiete. Die Errichtung von Naturschutzgebieten ist eine Maßnahme, um das Aussterben von Arten zu verhindern. So kann nämlich für eine absehbare Zeit sichergestellt werden, dass Menschen das Habitat einer Art nicht verändern oder stören.

Aufgabe

Du kannst in deinem Garten selbst einen geschützten Lebensraum für Tiere errichten: Erkundige dich in einer örtlichen Baumschule danach, welche Pflanzen welche einheimischen Tiere anziehen und dazu beitragen, diesen Tieren einen Lebensraum zu bieten.



Ein Schutzgebiet zu entwerfen kann demgegenüber ganz schön knifflig sein. Manchmal sind Naturschutzgebiete zu klein. Ein anderes Mal haben sie nicht die richtige Form. Gelegentlich muss zusätzlich Arbeit aufgewendet werden, um die Bedingungen so zu gestalten, dass sie für die dort lebenden Arten gut geeignet sind. Manchmal gibt es außerhalb des Schutzgebietes Faktoren, die innerhalb des Schutzgebietes nicht kontrolliert werden können, wie saurer Regen oder Erderwärmung. Die für das Naturschutzgebiet zuständigen Naturschutzbiologen, Planer und Betreuer tun ihr Bestes, um all diese Faktoren und mehr in Betracht zu ziehen.

Menschen, die Naturschutzgebiete planen und konstruieren, stellen sich dabei selbst eine Menge an Fragen, wenn sie ein Schutzgebiet entwerfen. Nachfolgend findest du einige der wichtigsten Fragen, die sich die Projektplaner stellen und auf die sie eine Antwort suchen:

  • Was versuchen wir zu schützen? Schützen wir eine bestimmte Art? Eine Lebensgemeinschaft? Die Population einer Art? (Solche Fragen helfen den Planern dabei, eine Zielsetzung für das Schutzgebiet zu entwickeln.)
  • Welche Ressourcen benötigt die Art, Population oder Lebensgemeinschaft? Welche Nahrung, Pflanzen, Schutz- oder Zufluchtsorte werden benötigt?
  • Wie groß muss die Population sein, um die Art vor dem Aussterben zu bewahren? (Generell wird davon ausgegangen: Je größer eine Population ist, desto besser ist deren Überlebenschance. Dementsprechend neigen kleinere Populationen dazu, schneller auszusterben.)
  • Was ist das Mindestmaß an Fläche, das eine Population in einer bestimmten Größe benötigt? (Die Planer von Naturschutzgebieten wissen, dass alle Organismen eine bestimmte Menge an Platz brauchen, und müssen dementsprechend entscheiden, wie viel Platz insgesamt benötigt wird.)
  • Gibt es Arten, von denen die von uns zu schützende Art abhängig ist? Gibt es überlebenswichtige Wechselbeziehungen mit anderen Arten?
  • Was passiert auf den Flächen, die an das Naturschutzgebiet angrenzen, und welche Auswirkungen hat deren Nutzung auf das Naturschutzgebiet?
  • Wie hoch werden die Gesamtkosten sein? (Häufig ist der Kostenpunkt die größte Einschränkung für Planer und Betreuer.)
  • Woher bekommen wir das Geld, um das Naturschutzgebiet anzulegen und zu unterhalten?
  • Wird es notwendig sein, das Naturschutzgebiet aktiv zu bewirtschaften, oder kann es sich selbst überlassen werden?
  • Und ganz zuletzt: Benötigen wir ein großes oder viele kleine Naturschutzgebiete? Macht es Sinn, alles auf eine Karte zu setzen?



Nachdem die Planer und Konstrukteure all diese Fragen beantwortet haben, beginnen sie mit der konkreten Planungsphase. Sie diskutieren über Orte und entwerfen das Naturschutzgebiet. Sie entscheiden über Dinge wie die künftige Verwaltung des Gebietes und dessen weitere Finanzierung. Dann kaufen sie das entsprechende Stück Land in der Hoffnung, dass sie ein Naturschutzgebiet entworfen haben, das erfolgreich einige Facetten der biologischen Vielfalt bewahren wird!

Aufgabe

Fragen zur Überprüfung

  1. Was ist der Unterschied zwischen einer direkten und einer eigentlichen Ursache? In welchem Zusammenhang stehen diese mit dem Aussterben einer Art?
  2. Was sind Naturschutzgebiete? Wie tragen sie dazu bei, den Verlust an biologischer Vielfalt zu verhindern?
  3. Wenn eine Naturschutzbehörde ein leer stehendes Grundstück in deiner Stadt einzäunen würde, das fortan ein Schutzgebiet für Grizzlybären sein soll, würdest du sagen, dass die Planer ihre Arbeit gut gemacht haben? Warum oder warum nicht?

Einzelnachweise